Schweiz: Wann sollen die AKW's abgeschaltet werden?

geschrieben von  Urs Fitze

Am 27. November stimmt die Schweizer Bevölkerung über die «Atomausstiegs-Initiative» ab, die ein Abschalten der Atomkraftwerke nach 45 Jahren verlangt. Danach müssten 2017 drei der fünf Meiler stillgelegt werden. Der SVP-Nationalrat Christian Imark (Contra, rechts) und Kaspar Schuler (Pro, links), Geschäftsleiter der Allianz Atomausstieg, kreuzen die verbalen Klingen.

Herr Imark, weshalb sind Sie gegen das Volksbegehren für den geordneten Atomausstieg?
Christian Imark: Eigentlich müssten Sie da meinen Widersacher fragen. Er will ja etwas verändern, ich nicht, ich bin mit dem Status Quo zufrieden. Aber es gibt natürlich gute Argumente, ein Nein in die Urne zu legen. Mir ist die Versorgungssicherheit wichtig. Ich sehe keine Sicherheitsprobleme bei unseren fünf Atomkraftwerken in der Schweiz, und ich sehe keine Alternative zum Atomstrom, wenn wir schon im nächsten Jahr auf 15 Prozent und ab 2025 auf 40 Prozent unseres Stroms verzichten müssen. Das lässt sich nicht einfach so ersetzen. Ich sehe vor allem aus technischer Sicht unlösbare Probleme auf uns zukommen. Ich bin kein Fan von Atomkraft, aber ich bin auch nicht verblendet in Sachen alternative Energien. Mir geht es um die beste Lösung.


Herr Schuler, was sind Ihre Argumente, die für den Atomausstieg nach 45 Jahren Betriebsdauer sprechen?
Kaspar Schuler: Die Zeit ist überreif. Wir haben, wenn wir auf die europäische Landkarte schauen, einen Zubau an erneuerbaren Energien, der alle 18 Tage die Produktion eines kleineren Schweizer Atomkraftwerks abdeckt. Das heisst doch: Die Technik ist da. Wenn die Schweiz aussteigt, profitiert sie mehr denn je. Wir werden positive Auswirkungen auf die Beschäftigung haben, nicht nur für die Installation und den Betrieb von erneuerbaren Kraftwerksanlagen von Privaten und Elektrizitätsunternehmen, sondern auch für die Isolation von Gebäuden. Gestärkt wird die Innovation, und auf der europäischen Bühne leistet die Schweiz damit einen Beitrag zum rascheren Ausstieg aus fossilen Energien. Länder, die aus der Atomenergie aussteigen, leisten viel mehr für den Klimaschutz, da sie parallel dazu mit Effizienzmassnahmen und erneuerbarer Produktion vorwärts machen. Arbeit und Geld bleiben im Land und fliessen nicht in die Taschen von Atomkraftwerksherstellern in Frankreich oder China.

Christian Imark: Es mag ja sein, dass viel investiert wird in Windkraft und Sonnenenergie. Aber da wird einfach sehr viel Unwahres erzählt, wenn etwa von der Anzahl Haushalte gesprochen wird, die mit einem Windrad versorgt werden können. Dieser Strom ist keine Bandenergie, die konstant fliesst, wie sie unsere Wirtschaft braucht, es ist so genannter Flatterstrom, der nicht eins zu eins dem Bandstrom entspricht, der uns mit dem Abschalten der Atomkraftwerke fehlt. Herr Schuler spricht von einer Stärkung der Bau- und Installationsbranche. Natürlich ist das Arbeit, aber das sind nun nicht gerade die hochwertigen Arbeitsplätze, und alles hängt am Subventionstopf. Das schafft Abhängigkeit und nicht Innovation. Und es ist schlicht nicht wahr, dass die Photovoltaik so wirtschaftlich sei wie die Atomkraft. Die Kosten sind viel höher. Aber die mangelnde Wirtschaftlichkeit ist für mich nicht das wichtigste Argument. Es geht um die Technik.

Kaspar Schuler: Schweizer Atomkraftwerke gehen von fünf bis neun Rappen aus, je nach Alter des AKW’s. Europäischer Ökostrom ist für vier bis sieben Rappen zu haben. Wenn unser Volksbegehren angenommen wird und 2017 die drei ältesten AKW’s vom Netz gehen, ist der Strom aus erneuerbaren Energien auf dem europäischen Markt gleich günstig oder sogar billiger zu haben. Die Fördergelder für den Bau von grösseren erneuerbaren Stromanlagen werden in der Schweiz im übrigen nach sechs Jahren auslaufen, es kann also keine Rede sein von nicht endenden Subventionsgeldern. Und alle Einspeisevergütung gibt es nur solange, bis die Preise marktfähig sind. Die Zeitschrift Economist hat für Grossbritannien - wo ja mit Subventionen, die einen Betrieb über 35 Jahre garantieren, ein neues Atomkraftwerk gebaut wird - berechnet, dass es bereits günstiger wäre, Solar- oder Windkraft zu installieren. Der Preiszerfall geht fast ungebremst weiter.

Christian Imark: Sie sprechen von einem windbegünstigten Land. Diese günstigen Voraussetzungen haben wir nicht. Mir ist die Windenergie nicht unsympathisch. Aber wir haben nach wie vor das Problem des Transports dieser Energie zu den Konsumenten. Aber wir reden hier am Thema vorbei. Wir haben aktuell das Problem dieses Volksbegehrens, das uns bei einer Annahme schon nächstes Jahr zum Abschalten von drei Atomkraftwerken zwingt, die in das 220 Kilovolt-Netz einspeisen, während der importierte Strom auf dem 380 Kilovolt-Netz transportiert werden. Da fehlt es schon schlicht an den Transformatoren, um diesen Strom kompatibel zu machen.

Und das lässt sich technisch nicht beheben?
Imark: In dieser kurzen Frist sicher nicht. Das haben wir im vergangenen Winter gesehen, als zwei Atomkraftanlagen für Wartungs- und Reparaturarbeiten abgeschaltet werden mussten. Die Initianten sprechen von einem geordneten Atomausstieg. Doch sie bewirken das Gegenteil: Ein Chaos.  So lässt sich allenfalls argumentieren mit der vom Parlament verabschiedeten Energiewende, mit der die Atomkraftanlagen solange laufen, als dass sie sicher sind.

Schuler: Seit 19 Monaten ist der Schweizer Reaktor Beznau I wegen Sicherheitsproblem ausser Betrieb, im vergangenen Herbst war ein weiterer, Beznau II, während mehrerer Monate abgeschaltet, teilweise auch ausserhalb des Wartungsplans. Wenn also jemand für Chaos sorgt, dann sind es die Betreiber dieser Anlagen. Diese ausserordentlichen Abschaltungen nehmen zu, schlicht, weil die Reaktoren alt sind. 2007 hatten die Betreiber übrigens noch verlangt, es müssten neue AKW’s gebaut werden, weil die alten mit 50 Betriebsjahren das Ende ihrer Betriebsphase erreicht haben würden. Jetzt sollen sie 60 Jahre laufen. Im vergangenen Jahr wurde das Problem übrigens so gelöst, dass der Preis für den Strom aus Speicherseen erhöht wurde. Das war eine lehrreiche Erfahrung, die uns die weitere Entwicklung aufzeigt. Die Stauseen werden in Zukunft wieder vermehrt ihre ursprüngliche Rolle als Batterie für die Schweizer Stromversrogung einnehmen, während der Stromhandel, für den sie heute vorwiegend genutzt werden, an Bedeutung verlieren wird. Bei den zuständigen Ämtern und Ministerien wird im übrigen glaubhaft versichert, man habe die Lage im Griff, auch nach einem Ja zu unserer Initiative. Dass Leitungskapazitäten ausgebaut werden müssen, ist klar, vorab jedoch für die Anbindung der neuen Pumpspeicherwerke Linthal 2015 und Nant de Drance.  Die Initianten werden sich dagegen sicher nicht wehren. Entscheidend ist, dass ein politischer Druck entsteht. Die Betreiber von Elektrizitätswerken und Investoren in Produktionsanlagen verlangen zu Recht nach Planungs- und Investitionssicherheit. Die geben wir ihnen mit dem geordneten Atomausstieg. Hinter vorgehaltener Hand heisst es übrigens seitens der AKW-Betreiber, ihre Atomanlagen seien für einen Franken zu haben, da nun die riesigen Stilllegungs-, Rückbau- und Entsorgungskosten anstehen. Nur weg damit. Nur will sie niemand mehr haben.


Imark: Es sind doch genau die Kreise von Herrn Schuler, die den dringend nötigen Ausbau von Leitungen, aber auch erneuerbaren Energien verhindern. Das ist unseriös. Man kann nicht zu allem Nein sagen.

Wo genau liegen denn die technischen Probleme, die Sie angesprochen haben?
Imark: Es geht beim Atomausstieg nicht primär um die technische Machbarkeit, sondern um den Faktor Zeit. Bei der geltenden Gesetzeslage und den Einsprachemöglichkeiten brauchen Sie dafür Jahre. Aus technischer Sicht brauchen wir wegen des Netzes und der Transformatoren Grosskraftwerke. Deshalb bin ich für AKW, weil sie viel sauberer sind als Kohle. Gaskraftwerke stossen auch sehr viel CO2 aus. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass das Parlament den Neubau von AKW’s verbieten will. Am Forschungshorizont zeichnen sich hier vielversprechende und sichere Wege ab.

Herr Imark, die Schweiz betreibt in Beznau die weltweit ältesten Atomreaktoren. Das Parlament hat deren Laufzeit unbefristet verlängert, solange die Sicherheitsauflagen erfüllt werden. Was machen die Schweizer Nuklearbetreiber besser als die Kollegen in anderen Ländern, die solche Anlagen längst stillgelegt haben?
Imark: Diese Anlagen sind sicher, und sie laufen solange, als dass sie sicher sind. Ich habe im übrigen vollstes Vertrauen in die zuständigen Behörden, die diese Sicherheit überwachen. Der Unfall, wie er in Japan geschah, wäre in der Schweiz nicht passiert. Es wären weder die gebunkerten Notstromgeneratoren ausgefallen noch wäre es zur Freisetzung von Radioaktitivät gekommen. Wer solche Vergleiche zieht, betreibt reine Angstmacherei.

Sie zweifeln auch nicht an der technischen Machbarkeit, alte Atomanlagen weiter zu betreiben?
Imark: Auch ein altes Flugzeug ist sicher, solange es gewartet und erneuert wird.


Werden die Probleme, die Sie ansprechen, mit einer unbefristeten Laufzeit nicht einfach auf die lange Bank geschoben?
Imark: Wenn wir nichts unternehmen, werden wir Probleme kriegen. Es werden ökonomische Gründe sein, die zum Abschalten der Atomkraftwerke führen. Dann brauchen wir sicher Lösungen, etwa in Form von Gas-Kombi-Kraftwerken oder vermehrten Stromimporten. Aber das sind alles unbefriedigende Wege.


Herr Schuler, die durch einen Tsunami ausgelöste Katastrophe traf Atomkraftwerke, die vom selben Typ waren wie jene in Beznau. In der Schweiz hätte eine ähnliche Flutwelle keine Katastrophe ausgelöst, weil das AKW laufend nachgerüstet worden ist, heisst es seitens der Betreiber. Haben diese nicht Recht?
Schuler: Jeder Unfall in AKW’s hat seine Eigenheiten. Kein Atomkritiker zieht vereinfachende Vergleiche zwischen der Schweiz und Japan. Es mag auch sein, dass Fukushima weniger schlimm gewesen wäre, hätte man diese AKW’s so nachgerüstet wie in der Schweiz. Doch das ist nicht der Punkt. In der Schweiz sind nicht die Behörden, sondern die Betreiber für die Sicherheit verantwortlich. Sie müssen nachweisen, dass ihre Anlagen sicher sind. Sie haben aber auch die Möglichkeit, eigene Lösungen vorzuschlagen, wenn sie mit jener der Behörden nicht einverstanden sind, mit dem gesetzlich verankerten Argument, es sei nicht angemessen. Das sind natürlich primär betriebswirtschaftliche Gründe. Das relativiert den Aspekt der Sicherheit. Den Behörden, die eine sehr beflissene Arbeit leisten, sind, mit Ausnahme von echten Notfällen, also die Hände gebunden. Das schafft zu viel Diskussionsraum für notwendige Nachrüstungen. Mich beunruhigt etwa der seit 17 Jahren fehlende Nachweis einer verbesserten Erdbebensicherheit, die heutigen Risikoszenarien gerecht wird. Darum geht es, wenn wir von Sicherheit sprechen. Und auch bei einer Ablehnung unseres Volksbegehrens wird es weiter auf dem Tisch bleiben. Seitens der Industrie ist man primär gegen verschärfte Nachrüstungsbestimmungen, weil alle Betreiber in grossen finanziellen Schwierigkeiten stecken. Sie scheuen die gebotenen Sicherheitsinvestitionen in den letzten AKW-Lebensjahren und die riesigen Desinvestitionskosten wie der Teufel das Weihwasser. Von den Endlagerkosten ganz zu schweigen.

Imark: Nochmals: Die Sicherheit ist gewährleistet. Es braucht keine weiteren Massnahmen. Man kann immer über Restrisiken diskutieren, die totale Sicherheit gibt es nicht. Aber es macht keinen Sinn, immer weiter an dieser Schraube zu drehen. Dann drehen Sie dem Huhn den Hals um. Das zuständige Eidgenössische Nuklearsicherheits-Inspektorat hat alle Möglichkeiten, einzuschreiten, wenn es Sicherheitsprobleme gibt. Auch die Betreiber haben alles Interesse, dass nichts geschieht.


Herr Imark, Sie würden neue Atomkraftwerke bauen?
Imark: Ja. Wir haben traditionell immer auf Grosskraftwerke gesetzt. Das brauchen wir auch in Zukunft. Der Strommix hat sich bewährt mit etwa 40 Prozent Atomkraft und knapp 60 Prozent Wasserkraft. Da bleibt auch noch etwas Platz für andere erneuerbare Energien.


Herr Imark, in Deutschland läuft seit 15 Jahren ein geordneter Atomausstieg, das letzte AKW wird Ende 2022 abgeschaltet, die Weichen werden mit einem rasanten Ausbau erneuerbarer Energien zur Stromproduktion neu gestellt. An der Machbarkeit zweifelt in Deutschland quer durch alle politischen Lager niemand. Wäre das nicht ein Modell für die Schweiz?
Imark: Sicher nicht. Ganz Europa schüttelt den Kopf. Deutschland kompensiert den Atom-Ausstieg mit Kohlekraft, weil auch unsere Nachbarn Bandenergie brauchen. Der Ausstieg hatte primär wahltaktische Gründe, um den Grünen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Heute haben wir extrem tiefe Strompreise, weil Billig-Kohlestrom und subventionierter erneuerbarer Strom aus Deutschland den Markt überschwemmt und unsere Wasserkraftwerke unrentabel macht. Das nachzuahmen, wäre katastrophal. Diesbezüglich mache ich mir aber wenig Sorgen. Die Schweiz ist mit der Wasserkraft so gut bedient, dass solche Experimente gar nicht nötig sind.
Schuler: Es stimmt: Kein Land ist so gut aufgestellt mit Wasserkraft wie die Schweiz. Das verschafft uns auch den Vorteil, den Atomausstieg vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen. Das sagen nicht die Umweltorganisationen, sondern die verantwortlichen Behörden.


Herr Schuler, die deutsche Energiewende hat einen Haken: Kohlestrom, der den Atomstrom ersetzt. Macht das Sinn?
Schuler: Nein. Aber man muss schon die spezifischen Probleme bedenken, wie sie in Deutschland herrschen. Der Umstieg braucht Zeit, und man hat bei der Gesetzgebung sicher gravierende Fehler gemacht, aus denen übrigens auch die Schweiz dankbar gelernt hat. Die Deutschen unterschätzten vor allem den raschen Preiszerfall bei erneuerbarem Strom. Vergleichbare Länder wie Österreich oder Belgien verfolgen noch weit ambitioniertere Programme zur Förderung erneuerbarer Energien. Für den billigen Kohlestrom sind aber primär die stark von der Kohle abhängigen osteuropäischen Nachbarn verantwortlich, die sich weigern, die Preise für die Emissionszertifikate zu erhöhen. Das macht den Billigstrom erst möglich. Ich weise aber auch darauf hin, dass schon heute jedermann zertifizierten Ökostrom kaufen kann, auch und erst Recht die grossen Strombezüger. Kein Land wird, wenn die Schweiz aussteigt aus der Atomenergie, auch nur ein halbes Kohlekraftwerk bauen. Dazu sind die erneuerbaren Energien viel zu attraktiv und die Klimaschutzbestimmungen zu streng. Lösen liesse sich das Problem auch regulatorisch, mit einer Dreckstromabgabe. Und seit der Einführung der kostendeckenden Einspeisevergütung in der Schweiz sind bereits soviel Stromproduktion zugebaut worden, die einem kleinen AKW entsprechen. In der Pipeline sind bereits 55’000 weitere Anlagen.

Imark: Flatterstrom…

Schuler: Das Argument zieht nicht. Die technische Entwicklung läuft. In Deutschland können sie ganze Windparks schon so steuern, dass sie je nach Nachfrage die Flügel mehr oder weniger hart in den Wind stellen. Damit haben Sie eine Regulierungsenergie und keinen „Flatterstrom“ mehr.

Imark: Die technische Entwicklung läuft in eine falsche Richtung, nicht nur wegen des Flatterstroms. Wenn wir unsere Energiezukunft auf – notabene subventionierten - chinesischen Solarzellen aufbauen, bleibt uns letztlich nur noch die Montagearbeit. Derweil gehen hochqualifizierte Arbeitsplätze rund um die Wasserkraft und damit die Wertschöpfung verloren. Das kann es doch nicht sein.

Schuler: Das stimmt einfach nicht. Die Schweizer Wasserkraft wird fast bis zum Maximum genutzt, wir reden beim weiteren Ausbau von wenigen Prozent. Da kann man doch nicht behaupten, es gingen Arbeitsplätze verloren.

Imark: Eben doch. Die Firmen haben keine Arbeit, weil es an Investitionssicherheit fehlt. Alles ist im Fluss. Alles Mögliche wird subventioniert, und das Bewährte bleibt auf der Strecke.

Schuler: Nein. Schweizer Wasserkraft wird auch in hundert Jahren noch genutzt werden.

Imark: Weshalb werden Schweizer Wasserkraftwerke denn nun subventioniert? Weil sie nicht mehr rentieren. Und das kostet Arbeitsplätze.

Schuler: Wasserkraft ist und bleibt weitgehend unbestritten. Das Problem mit der Rentabilität liegt in den unsinnig tiefen Preisen für CO2-Emissionszertifikaten in der Europäischen Union. Wie dieses Problem gelöst wird, ist klar – mit einer Preiserhöhung – aber zeitlich noch offen. Wer nun deshalb aber nach Atomenergie ruft, ist auf dem Holzweg. Atomkraft ist schlicht zu teuer, das gilt gerade auch für die neuen Kraftwerksgenerationen, wo Kostenüberschreitungen um das Dreifache zur Regel geworden sind. Dazu kommt eine wesentlich schlechtere Ökobilanz als bei allen erneuerbaren Energien. Ich mag auch den Versprechungen nicht mehr glauben, mit Thorium-Reaktoren seien alle Probleme auf einen Schlag gelöst. Wenn sie das tatsächlich und zu günstigeren Preisen schaffen, bin ich gerne dabei. Aber mir fehlt der Glaube.

Imark: Photovoltaik und Windkraft sind bei weitem nicht so gut, wie es behauptet wird. Da sind viele falsche Versprechen dabei. Und Ihre Argumente laufen darauf hinaus, dass wir gerade nicht aus die bestehenden AKW’s verzichten sollten. Dieser Strom ist günstig und sicher zu haben. Auch die Entsorgungsprobleme sind technisch gelöst.


Es gibt ja noch keinen Standort…
Imark: Ja. Aber das heisst doch nicht, dass die technischen Probleme ungelöst sind. Es geht um die Umsetzung, nicht mehr um die Technik.

Schuler: Gar nichts ist gelöst. Das zeigt ja schon die Geschichte der Suche nach Endlagern. Auch die verantwortliche Nagra sagt im persönlichen Gespräch: Gebt uns Zeit, lasst uns zuerst vor Ort einen Versuchsstollen bauen, dann wissen wir mehr.

Herr Imark: Die Energiezukunft gehört dem Strom. Stimmen Sie zu? Und wie sehen Sie den Strommix der Zukunft?
Imark: Wir müssen weg von den fossilen Energien. Gleichzeitig wird der Strombedarf zunehmen. Das Problem kriegen wir nur mit Grosskraftwerken in den Griff. Und AKW’s sind dafür am besten geeignet. Umso mehr bedaure ich das Verbot, neue Atommeiler zu bauen. Das kommt einem Denkverbot gleich.


Herr Schuler: Können erneuerbare Energien den wahrscheinlich stark steigenden Strombedarf der Zukunft tatsächlich decken?
Schuler: Atomenergie ist wie die Kohle eine Technologie des 20. Jahrhunderts, ein Auslaufmodell. Erneuerbare Energien haben mehr als genug Potenzial, um die Elektrifizierung zu schaffen. Ich bin guten Mutes.

Imark: Ich höre kein einziges Argument, um Ihrer Initiative zuzustimmen. Wenn diese durchkommt, werden wir als Folge genau die Technologie des 20. Jahrhunderts in Form von Kohlestrom erhalten. Sie verkaufen ein trojanisches Pferd.

Wagen Sie eine Abstimmungsprognose?
Imark: Ich bin mir sicher. Die Initiative wird deutlich abgelehnt.
Schuler: Es wird knapp. Stromversorgung ist wichtig und beschäftigt die Leute, wenn sie öffentlich thematisiert wird. Die Gegner werden siegen, wenn sie weiter mit polemischen Rundumschlägen wie angedrohten Black-Outs arbeiten. Es braucht ein differenziertes Argumentarium, das im Schlagabtausch nicht einfach zu vermitteln ist. Wir bleiben mit kompetenten Auskünften dran, und so bleibe ich verhalten optimistisch.

Zur Person:

Kaspar Schuler ist Geschäftsleiter der 2007 gegründeten «Allianz für den geordneten Atomausstieg». Sie vereint 39 Mitgliedorganisationen, darunter medizinische, menschenrechtliche, kirchliche und Friedensorganisatinen, Parteien aus dem links-grünen Lager sowie Umwelt- und Naturschutzorganisationen.


Christian Imark wurde im Herbst 2015 als Vertreter der Solothurner SVP in den Schweizer Nationalrat gewählt. Als Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie beschäftigt er sich schwergewichtig mit Energiethemen.





Die Schweizer Bombe

  • Vor 70 Jahren hatte der damalige Ständerat und spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen die Ächtung der Atomwaffen verlangt, deren Nutzung für friedliche Zwecke aber befürwortet. Im Geheimen hatte die Schweizer Regierung aber schon kurz nach Kriegsende die «Schaffung einer schweizerischen Uran-Bombe» vorangetrieben – die «Studienkommission für Atomenergie» unter Vorsitz des Kernphysikers Paul Scherrer fasste den entsprechenden Auftrag, von dem auch im Parlament niemand wusste. In den Jahren 1953 – 1955 wurden im Rahmen einer geheimen Vereinbarung zehn Tonnen Uran aus Belgisch-Kongo geliefert. Die Hälfte davon lagerte im Forschungsreaktor Diorit in Würenlingen – dem Sitz des heutigen Paul Scherrer – Institutes – als Rohstoff für die Atomwaffenfertigung. 1958 wurde diese Politik offiziell. «In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung der Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören Atomwaffen», hiess es in einer Erklärung des Bundesrates. Inoffiziell sollte solange auf den Bau verzichtet werden, als dass keine anderen Mächte als die USA, Sowjetunion und Grossbritannien darauf setzten. Vor allem die deutschen Bombenpläne wurden argwöhnisch verfolgt. In den kommenden Jahren wurden geheime Aufrüstungspläne ausgearbeitet, auch Atombombentest waren dabei vorgesehen. Die Schweiz sei in der Lage, binnen von vier Jahren eine Atombombe zu entwickeln, das Know-How und das Geld seien vorhanden, hiess es damals im Militärkreisen. Erst mit Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages im November 1969 waren diese Makulatur. An der Option wurde indes grundsätzlich weiter festgehalten, auch wenn der Atomwaffensperrvertrag 1977 ratifiziert wurde. Die Nachfolgeorganisation der Studienkommisson für Atomenergie, der Arbeitsausschuss für Atomfragen, wurde erst 1988 aufgelöst. Seit 1995 trägt die Schweiz mit der Zustimmung zur unbefristeten Verlängerung des Atomwaffensperrvertrages und zum Atomteststoppabommen die internationalen Bemühungen für ein Ende der Atomwaffen mit. Im Februar 2016 wurden 20 kg waffenfähiges Plutonium, das sich seit über 50 Jahren im Schweizer Besitz befand, in die USA transportiert.


Im Innern des nie in Betrieb gegangenen AKW Zwentendorf

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Strommix in Deutschland, der Schweiz und Österreich 2014

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